ARS VIVENDI

Birgid Groscurth, Gründerin der Konzertreihe „Ars Vivendi Salonkultur“, ist von Haus aus Journalistin und PR-Beraterin. So arbeitete sie einige Jahre für den „de Beers“-Konzern, ehe sie aus familiären Gründen zunächst freie Texterin für verschiedene Firmen wurde. Mit der Zeit gelang ihr der Sprung in den freien Journalismus, sie schrieb für große Frauenzeitschriften wie VOGUE und MADAME, aber auch für Tageszeitungen. Ihre Schwerpunktthemen waren Kunst und Kultur.

Hierbei beobachtete sie, dass manches Interesse an klassischer Musik, sofern nicht mit einem gesellschaftlichen Event und berühmten Stars verbunden, mehr und mehr verloren ging. 1999 zog sie die Konsequenzen daraus, mietete einen romantischen Fachwerkraum als Galerie in der Kronberger Altstadt und beschloss, hier genau das zu bieten, was ihr selbst so fehlte: musikalische und literarische Programme sowie Kunstausstellungen, die eines verband: ihre hohe, künstlerische Qualität!

Wichtig erschien ihr ein schöner, intimer Rahmen für kulturelle Veranstaltungen, weil sich hier gerade klassische Musik besonders gut kommunizieren lässt. Nicht ohne Grund traten im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert Musiker wie Chopin, Schumann oder Schubert am liebsten in einem solchen Rahmen auf.
Klassische Musik steht bei Ars Vivendi auch heute, nachdem die eigenen Räume 2001 wieder aufgegeben wurden, meistens auf dem Programm. Sie wird interpretiert von exzellenten und vorwiegend jungen Künstlern, die meist noch keinen berühmten Namen, jedoch das Talent für eine große Karriere haben. Sie werden kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen, denn heutzutage kann sich der eigene, hohe Qualitätsanspruch eines noch so brillanten Künstlers, auf sich allein gestellt, kaum Gehör verschaffen. Dafür bedarf es sowohl einer professionellen Plattform als auch eines kommunikativen Rahmens, in dem sich Menschen mit ähnlichen Interessen begegnen können. In unserer Zeit wird all zu oft nicht wahrgenommen, was für ein großartiger Nachwuchs heranwächst. Es ist dringend notwendig geworden, diesen jungen Menschen die fehlende Öffentlichkeit zu verschaffen. Musiker haben eine lange Ausbildungszeit, die Konkurrenz ist riesig und ihre Zukunft ungewiss. Sie wissen das und stehen deshalb auch für selten gewordene Werte wie Können, Disziplin, Hingabe, Ausdauer und Leidenschaft. Ihre Liebe zur Musik, verbunden mit einer deutlich spürbaren Freude daran, überträgt sich auch auf ein jüngeres Publikum und vermag es zu begeistern. 

Inzwischen gibt es Kooperationen mit Institutionen, die daran interessiert sind, die Inhalte anzubieten, die Ars Vivendi selbst für wichtig, förderungswürdig und besonders interessant hält. Noch immer ist der Rahmen für die Veranstaltungen wichtig, und traditionsreiche Häuser wie das Kempinski Hotel Falkenstein, die Villa Rothschild in Königstein oder der Breidenbacher Hof in Düsseldorf verfügen über die perfekten Räumlichkeiten und ein schönes, informelles Ambiente.

Inzwischen hatte sie längst erkannt, dass auch die schönste Umgebung in unserer Zeit nicht dabei hilft, auch ein jüngeres Publikum für klassische Musik zu interessieren. So kam kürzlich unter dem Motto "Musik auf Naxos" eine Zusammenarbeit mit dem Theater Willy Praml in der historischen, denkmalgeschützten Frankfurter Naxoshalle zustande. Hier, wo niemand über seine Garderobe nachdenken muss, wo nichts gestylt oder geschönt wurde und die Atmosphäre einer alten Fabrikhalle bestens erhalten blieb, müssen keine Schwellenängste mehr überwunden werden. Die Akustik ist hervorragend, und das Ambiente lässt sich am besten als "kultig" beschreiben.

Beispiele für sehr erfolgreiche Zusammenarbeiten sind die seit 2007 bestehende Literaturreihe in der Königsteiner Villa Rothschild Kempinski und seit 2008 die Reihe „Kultur auf der Kö“ im Breidenbacher Hof, Düsseldorf. Hinzu kamen zwei hochkarätige literarisch-musikalische Veranstaltungen zu den Themen der beiden letzten Sonderaustellungen im eindrucksvollen Ambiente des Frankfurter Senckenberg Naturmuseum oder zuvor eine Ars Vivendi-Reihe im ehemaligen Literaturhaus an der Bockenheimer Landstrasse. Regelmäßig finden Klavierabende im C. Bechstein Centrum Frankfurt statt. Diese Zusammenarbeit ist besonders wichtig, wenn es um junge, internationale Pianisten geht oder um Veranstaltungen, für die gleich zwei erstklassige Flügel benötigt werden.

Einige der hier präsentierten Künstler haben tatsächlich bereits den schweren Schritt in die ganz große Karriere geschafft und benötigen natürlich größere Plattformen. Hierfür hilfreich sind, im Laufe der Jahre aufgrund der hohen Qualität von Ars Vivendi-Veranstaltungen entstandene, wichtige Verbindungen. So gibt es z.B. in Frankfurt  auch Kooperationen mit der Frankfurter Alten Oper, die bekanntlich zu einem bedeutenden Sprungbrett in die Welt hinaus werden kann.


Was ist denn so schwer an klassischer Musik?
(Artikel von Birgid Groscurth)

Man darf dankbar sein, dass einige Prominente und junge Crossover-Stars sich von Zeit zu Zeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der klassischen Musik erbarmen. In aufwändigen Events, versteht sich, denn anders bekommt man unsere Landsleute ja überhaupt nicht mehr dazu, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Noch im 2. Weltkrieg und danach wusste man die Heilungsmöglichkeiten dieser Musik auch hierzulande zu schätzen, und unvergesslich sind die Bilder von Menschenmengen, die sich inmitten der Trümmer ihrer zerbombten Städte zu öffentlichen Konzerten einfanden. Können wir Deutschen uns also auf Musik, die die Seele im Tiefsten zu berühren vermag, nur dann einlassen, wenn es uns so richtig schlecht geht?

Es sieht ganz danach aus, und das ist umso bedauerlicher, als man sich angesichts der  Globalisierung fragen sollte, womit wir im internationalen Kulturreigen eigentlich punkten wollen, wenn nicht mit unserer klassischen Kultur. Comedy und Volksmusik bringen bekanntlich zwar die höchsten Einschaltquoten, aber zumindest in der Comedy sind uns die USA und England weit überlegen, weil die dort Tradition hat. Interessanterweise existiert aber gerade in diesen Ländern auch ein ganz ungestörtes Verhältnis zur klassischen Musik und der Umgebung, in der sie gehört werden kann. Orchester und weltberühmte Solisten geben Konzerte in öffentlichen Parks, die Londoner „Last Night of the Proms“ ist ein Spektakel erster Güte für alle Klassen, und nur in Deutschland fürchtet man sich davor so sehr, dass viele Jugendliche nicht einmal wissen, wer Mozart war und noch nie ein klassisches Konzert besucht haben.

Es ist beängstigend, wie die Kultur des einstigen Volkes der Dichter und Denker von diesem höchstpersönlich eingemottet wird, und es wird Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. Denn gerade sie ist etwas, worauf wir wirklich stolz sein und womit wir gegenüber den Kulturen anderer Völker durchaus bestehen können. Andernorts weiß man  sehr zu schätzen, was deutsche Komponisten und Dichter zu Papier gebracht haben und worauf wir hierzulande so großzügig verzichten: in vielen Ländern der Welt, aber auch in manchen Ländern Europas, gehört nämlich die Musik von beispielsweise Bach, Beethoven, Mozart und Schubert ganz einfach zum Menschsein. In Asien lernen zahllose Kinder Klavier spielen, gehen mit ihren Eltern in Konzerte und entwickeln auf diese Weise ein ganz natürliches Verständnis für Musik, das wir längst verloren haben.

Hierzulande interessiert sich die breite Masse überhaupt nicht mehr dafür, während sich die heutige Geldelite meist auf den Besuch von Veranstaltungen beschränkt, die sie gesponsort hat und die deshalb auch ein gesellschaftliches Ereignis sind.

Hier allerdings spielt das Mäzenatentum, das es vor dem Krieg auch in Deutschland gab, eine wichtige Rolle. Firmen und Individuen, die reich geworden sind, fühlen sich in England und den USA sehr viel mehr dazu verpflichtet, dem Staat von ihrem Reichtum etwas zurück zu geben, indem sie ihn in seinen Aufgaben unterstützen. Deshalb investieren sie in große, bildungsfördernde öffentlichen Veranstaltungen und nicht nur, wie es deutsche Sponsoren am liebsten tun, in möglichst publikumswirksame Events.

Mit Ausnahme einer Gruppe, die wirkliches Interesse dafür meist schon von zu Hause mitbekommen hat, fehlt dem Publikum einfach der Mut, sich auf klassische Musik einzulassen. Ein Grund dafür könnte zum Einen der nachgewiesene Bildungsmangel in unserem Lande sein, zum Anderen aber auch die Furcht, ein solcher Abend sei nach einem schweren Arbeitstag zu anstrengend. Warum anstrengend? Diese Musik kann so wunderbar entspannend und beruhigend sein, wie kaum etwas anderes. Vielleicht sollte man auch einmal das Mäntelchen des Elitären entfernen, das unser deutsches Bildungsbürgertum ihr unberechtigterweise übergeworfen haben. Musik muss für alle da sein, denn sie kann in jedem etwas bewegen. Die Furcht, sich vielleicht auf diesem Gebiet nicht aus zu kennen, wird dann völlig überflüssig, wenn man Musik einfach auf sich wirken lässt, ohne etwas beweisen zu müssen. In englischsprachigen Ländern weiß man das, und wer z.B. im Freien, auf seiner Picknickdecke sitzend, einem Konzert lauscht, der fühlt sich freier und unabhängiger von dem, was andere wissen oder zu wissen glauben. Aber diese Freiheit steht jedem zu, und niemand sollte mit Hemmungen belastet in ein klassisches Konzert gehen müssen.

Hierzulande allerdings müsste eine ganze Generation von Eltern sich zunächst selbst einen Zugang verschaffen, ehe sie ihre Freude an klassischer Musik auch ihren Kindern weiter geben. Dazu müssten sie sich auf dieses ‚Abenteuer’ einlassen. Und um mögliche erste Hemmschwellen zu beseitigen, ist ein unkompliziertes, freundschaftliches Umfeld besonders gut geeignet.

Es ist ein wichtiger Grundgedanke der „Ars Vivendi Salonkultur“, diesen Zugang in einem kleinen, persönlichen Rahmen zu vermitteln. Junge, hervorragend ausgebildete Musiker, denen die Freude an ihrer Arbeit ins Gesicht geschrieben steht, sind fähig, das zu erklären, was sie spielen, sie beantworten Fragen und geben Beispiele. Sie sind nicht nur bereit, ihre Begeisterung an die Zuhörer weiter zu geben, sondern sie erarbeiten auch Programme, die das Verständnis erleichtern. Wenn eine international gefeierte Opernsängerin neben klassischen Kunstliedern auch Berliner Lieder von Weill und Hollaender singt, dann bleibt die Qualität der Darbietung hoch, aber der Funke springt leichter auf das Publikum über. Und wenn ein Musiker und Rezitator Lyrik vertont und über hervorragende, nicht klassische Musik die Inhalte von Gedichten transportiert, dann erfährt das Publikum auch, was die Dichter ihm zu sagen haben.

Es gibt durchaus Möglichkeiten, die Schönheit von klassischer Musik oder Lyrik und die Wirkung, die sie auf den Menschen haben, zu vermitteln. Niemand sollte sich davor fürchten, sondern es einfach einmal wagen – es lohnt sich.